Raus aus der Stube

Levin ist untröstlich. Er hat Hunger, das Frühstück steht bereit. Aber die gewünschte Begleitung, die ist noch nicht in Sicht. «Ich will mit Mario essen», lässt er seine ihn begleitende Pflegefachfrau unmissverständlich wissen. Das gehe nicht, lässt diese wissen, schliesslich sei der Zivilschützer doch gerade daran, mit den anderen Kindern zu spazieren. «Das ist mir egal. Ich will jetzt meinen Spass haben. Und das geht nur mit Mario.»

Levin ist eines von etwa 35 Kindern, die nach einem Unfall oder einer Operation am Ferienprogramm des Kinderspitals Affoltern a.A. teilnehmen. Während dreier Wochen fallen Mathematik, Aufsätze schreiben und andere schulische Aktivitäten aus. Dafür spielen die Kinder Minigolf, tanzen, gehen schwimmen ins benachbarte Stigeli, versuchen sich im Orientierungslauf oder absolvieren einen Rollparcours.

Tatkräftige Unterstützung bietet während dieser Zeit der Zivilschutz. Je drei Mann pro Woche ermöglichen der Abteilung Sporttherapie des Kispi die ausführlichere Betreuung der Kinder. «Es ist eine intensive Zeit, die ohne die Hilfe des Zivilschutzes nicht möglich wäre», sagt Silvia Oberholzer. Sie ist Leiterin der Kispi Sporttherapie und beaufsichtigt das Ferienprogramm.

Die Herausforderung besteht darin, die Kinder während der Zeit ohne Schule zu beschäftigen. «Wenn es irgendwie möglich ist, gehen alle Kinder raus an die frische Luft. Die Zivilschützer tragen mit ihrer Betreuung dazu bei, dass die Kinder untereinander eine Gemeinschaft erleben, die auf den Zimmern nicht gegeben wäre», sagt Oberholzer. Und ergänzt: «Wir alle zusammen versuchen, sie aus der Langeweile herauszuziehen.»

Die Arbeit auf Platz leiten die beiden Sport-Studentinnen Marie-Andrea Egli und Ilona Thurnherr. Für die Zivilschützer bedeutet das: Anpacken, wo eine helfende Hand gebraucht wird. Die Kinder in den Rollstühlen an der frischen Luft auf dem Spaziergang begleiten. «Zu zweit wäre es unmöglich, sieben oder noch mehr Kinder zu beobachten und beschäftigen, dass trotzdem alle ihren Spass haben», sagt Egli. Weil die Niveaus der Kinder völlig unterschiedlich sind, bedarf es in vielen Fällen einer Einzel-Betreuung. Darum sind Egli und Thurnherr froh um jeden helfenden Zivilschützer.

Gerade die jungen Knaben geniessen die Präsenz und die Aufmerksamkeit der Zivilschützer. «Es ist ja nicht so, dass es einen Überschuss an Männern gibt in Spitälern», sagt Thurnherr. «Deshalb freut sich nicht nur Levin, wenn er seine Spiellust für einmal mit Geschlechtsgenossen ausleben darf.»

Reto Hofacher ist einer der Zivilschützer, die einen Einsatz im Kispi absolvieren. Beeindruckend findet er, wie schnell die Zivilschützer zu Bezugspersonen für die behinderten Kinder werden. «Wie sie auf uns reagieren, mit uns kommunizieren und ihre Freude ausdrücken, das ist schön zu sehen», sagt Hofacher. Klar ist aber auch: Wo gearbeitet wird, da läuft nicht immer alles perfekt. So gab es da und dort kleine Missverständnisse bei der Aufteilung der Plätze zur Benutzung. «Stimmt», sagt Thurnherr und fügt an: «Es war ab und zu grosse Flexibilität gefordert - und es hat sich bestätigt, dass Zivilschützer darin gut sind.»

 

Etiene Wuillemin, Tages Anzeiger